Prosopon
Roman
Felnhofer, Anna
Luftschacht Literaturverlag
Allgemeines Programm
Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
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9783903422735
8327692
gebundenes Buch (GEB)
259 S.
12.03.2026
Deutsch (GER)
Zusatztext
Ein siebenjähriger Junge liegt nach einem Unfall im Krankenhaus und ringt nach einer letzten Operation um sein Leben. Wie es zu diesem furchtbaren Unfall kommen konnte und welche Rolle sein Vater Jakob und dessen Gesichtsblindheit (Prosopagnosie), die schon einmal für den Tod eines Menschen verantwortlich zeichnete, dabei spielen, ist auch Monate nach dem Vorfall noch Gegenstand behördlicher Ermittlungen. Der Mutter und Ich-Erzählerin bleibt einstweilen nur, sich selbst auf die Suche nach Antworten zu begeben. Aus Bruchstücken versucht sie Jakobs Leben zu rekonstruieren, um zu erfahren, welche Verantwortung er für den Unfall des Jungen trägt und sie stößt dabei auf ein Leben ohne Kontinuität, ohne Verbindlichkeiten, ohne Halt, als immer andere Person. Nach ihrem viel beachteten und mehrfach ausgezeichneten Debüt 'Schnittbild' legt Anna Felnhofer ihren zweiten Roman 'Prosopon' vor, ein sensibles und vorsichtiges Erkunden, ein poetisches und sprachmächtiges Kreisen um Verlust und Identität. Beim Bachmannpreis 2023 wurde Anna Felnhofers Text 'Fische fangen' - ein Ausschnitt aus dem Roman 'Proposon' -mit dem Deutschlandfunkpreis prämiert.
Leseprobe
So kam, was kommen musste. Er begriff es als natürliche Folge, wie nach der Nacht der Tag kam oder auf eins zwei folgte. Man musste ihn prügeln. Man musste ihn so weit in den Schmerz hineinprügeln, so fest auf ihn eindreschen, so lange alles Weiche, Warme aus ihm herausdreschen, bis man an das herankam, was seine Mitte stellte; ein fünfzehn Jahre lang gehämmerter Klumpen war sie, eine kalte Lanze jetzt. Ein von Wind und Wetter geschliffener Tag war es, schiefergrau, mit springenden Schatten und spiegelnden Straßen. Dazu der unerbittliche Regen, kurze, kalte Schläge gegen die Haut, aber das gab nicht den Ausschlag, der Schmerz wuchs anderswo. Wieder war es rammelvoll gewesen auf dem Platz vor der Schule, wieder waren da die vielen glatten Gesichter gewesen, die meisten schon halb auf dem Sprung, und wieder war da die dauernde Angst gewesen, dass unter den vielen, den viel zu vielen Unbestimmten, drei Bestimmte auf ihn lauern könnten. Über die Köpfe tastete ein vergeudeter Blick, und sein Hirn machte, was jedes Hirn in so einer Situation macht. In panischer Eile rechnete es, was es für das Wichtigste hielt, aus dem Anblick heraus, kalkulierte, klassifizierte, kombinierte es, um sich dann doch einigermaßen resigniert zwischen Mund, Nase und Augen einzupendeln. Zwischen diesen drei Punkten, die sich ihm, was er auch anstellte, nie zu etwas anderem verbinden wollten als zu der banalsten aller trigonometrischen Figuren. Trotz seiner fünfzehn Jahre und trotz des Vorrats an Erfahrung konnte er an diesem Regennachmittag nur wiederholen, was er längst wusste und was ein anderer irgendwann über seinesgleichen geschrieben hatte, es war die alte Geschichte: Es empört sich ein Fisch, der gefangen werden will, über die Unzuverlässigkeit der Netze.
Hersteller
Luftschacht e.U.
Jürgen Lagger
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